Review of SISU concert in Freiburg Germany 3 of august 2012

Badische Zeitung 6 august 2012

Nur eine Kurbelsirene kann das wilde Treiben stoppen
Sisu und Global Tala beim Freiburger Tamburi Mundi-Festival.

Skandinavien – ein Percussionparadies! Dort spielen Drummer auf Holz, Stein und sogar auf
Eis, oder sie funktionieren gleich das gesamte Mobiliar einer Wohnung, ja, eine Stadt zum
Schlagwerk um. Auch Tamburi Mundi ist auf die nordische Percussionwelt aufmerksam
geworden: Mit Sisu gastierten drei Norweger, die von der Perspektive der Neuen Musik aus,
amüsant und höchst artifiziell zugleich, das Genre neu definieren.
Festivalleiter Murat Cokun hatte sie in Vietnam kennen gelernt, und von Anfang an
offenbaren Sisu im großen E-Werk-Saal denn auch unverkennbar Einflüsse aus Südostasien:
Mit eng verzahnten Silbenattacken, ähnlich dem indonesischen Affengesang Kecak, ziehen
sie ein, mit Zimbeln, Toms und Glocken bauen sie einen dynamisch an- und abschwellenden
Klangkörper. Die atemberaubende synchrone Disziplin dieser drei tritt in der Umsetzung von

Steve Reichs “Drumming Part One” zutage, wenn sich mit feinsten Phasenverschiebungen
ein Paradestück Minimal Music entfaltet und deren Prinzipien im Tanz der Schlagstöcke fast
ikonograpisch erfahrbar werden. Stets ist das Spiel von Sisu bildreich: Da wird eine in sich
versunkene Tempelszene mit Gongs entworfen, und kurz darauf entlädt sich ein Starkregen,
der seine satten Tropfen auf Metall und Felle schickt.
Mit Coskun als Sidekick versucht sich das Trio an den Rahmentrommeln, ein reizvoller Dialog
zwischen tänzerischer Erdigkeit und akademischerem Spiel gelingt. Auch mit Sattor Fotsilov,
dem tadschikischen Außenposten des Festivals, entsteht eine überzeugende Symbiose, wenn
die fast peitschende Feinmechanik seiner Dhol auf die drei Toms trifft. Die beiden witzigsten
Stücke des Abends stammen aus skandinavischer Feder: In Rolf Wallins “Scratch” werden
drei Luftballone malträtiert, monströse Rubbel- und Quietschlaute, Fiedeln, Wimmern und
Zwitschern herausgekitzelt. Und das Finale “Out Of Delusion” ist eine Orgie mit großem
Gerät vom ausrangierten Ölfass bis zur Metallwand: Da verröchelt die Dampflok Emma aus
Jim Knopf, der Kampf mit einer Schnake wird ausagiert, und nur eine Kurbelsirene kann das
wilde Treiben stoppen. Ohne Zweifel: Sisus Set war ein Highlight der letzten Tamburi Mundi-
Ausgaben.
Kontrastprogramm am Abend darauf, von nordischen geht es in tropische Breiten. Ramesh
Shotham, indischer Wahlkölner und long time companion von Tamburi Mundi, hat mit der
bayrischen Drummerin Carola Grey und drei deutschen Nachwuchskünstlern ein Ensemble
gebildet, das er nach dem metrischen System in der indischen Klassik Global Tala nennt. Das
ist eine vielschichtige “Schlagfarbenmusik”: Shotham agiert an der südindischen Mridangam,
ein Doppelinstrument mit dumpfem Fell auf der einen, hölzern klappendem Timbre auf der
gegenüberliegenden. Grey spielt ein recht herkömmliches Drumset, auf dem sie die indische
Rhythmik mit jazzigem und rockigem Habitus auflädt. Mit Bongo, Conga, Djembe, Darbuka
und Frame Drum bringen Max Klaas und Lukas Meile die globalen Farben herein.In dieses
perkussive Universum streut Jan F. Kurth experimentelle Vokalfarben mit Fantasiesilben und
Summchören, was sich mitunter schwer vermittelt, im Stück “MAD-Razz” aber unterhaltsam
die Kakophonie einer indischen Großstadt nachzeichnet. Die stärksten Momente hat dieses
Ensemble, wenn sich Grey aus rigiden Zählzeiten löst und schlüssig zwischen Indien und
Europa vermittelt.
Längst ist Tamburi Mundi kein Rahmen-Trommel-Event mehr, auch wenn es das Prädikat
noch im Namen trägt. Das zeigte sich umso mehr, als nach der Pause Noreum Machi aus
Seoul einmal mehr ihre unfassbar artistische Kunst an den Sanduhrtrommeln Janggu
zeigten. Die beiden Abende haben unterstrichen, dass man längst auf dem Weg zu einem
Percussionfestival mit internationalem Anspruch ist.
Autor: Stefan Franzen